
Aus einem Artikel von Pfr. Siegmund Krieger für das Darmstädter Echo:
DARMSTADT. Zum sechsten Mal war der Dekanatssynodalvorstand Gast einer Kirchengemeinde. Diesmal in der Paul-Gerhardt-Gemeinde in der Darmstädter »Waldkolonie«.
»Waldkolonie«: Der Name verheißt Siedleridylle, Gelegenheit für eine schöne Fußwanderung im Grüngürtel. Weit gefehlt. In keinem anderen Bezirk Darmstadts findet sich eine derartige Ballung gesamtstädtischer, bundesweiter und europäischer Institutionen. Dieses Spektrum wollte der Kirchenvorstand vorführen.
Allein die Aufzählung lässt ahnen, dass es allenfalls eine Stippvisite mit einigen Schwerpunkten geben würde: Hauptbahnhof, Bürostadt Europaviertel, die neuen Reihenhäuser der Weststadt, Telekom-City, Waldfriedhof, Klärwerk, zwei große Hotels, Übergangswohnheim des Diakonischen Werks, Evangelische Fachhochschule und Sozialmissionarische Arbeit der Stadtmission, die Siedlung »Tann« mit dem Tierheim – zwischen Autobahnzubringern weit draußen versteckt.
Ferner das Europäische Raumfahrtkontrollzentrum ESOC und die Wetterzentrale der EUMETSAT, die Kolonistenhäuser, die »Beamtenwohnungen« und die Schlichtwohnungssiedlung, die Starkenburgkaserne, das historische HEAG-Gelände und das moderne Industriegebiet, Kita, Schule, Lern- und Spielstube, ganz am Rand des Bereichs der Gemeinde ihre zwei Nachbarn, die Moscheen, und mitten in dem Ganzen die Paul-Gerhardt-Kirche samt Gemeindehaus und Kindergarten.
Die Menschen: Viele alte »Waldkolonisten« samt der Bewohner, fremder Herkunft, die im Lauf der Jahre sich hier angesiedelt haben, in der Mehrzahl Türken. Und die Gastwissenschaftler, die zum Teil mit ihren Familien hier wohnen: aus Dänemark zum Beispiel, aus Japan, aus vielen anderen Ländern. Und junge Familien, die sich neu im Stadtteil ansiedeln und Kontakt suchen. Über 4000 Menschen wohnen hier, davon sind 1600 evangelisch.
Dem Kirchenvorstand, der die Erkundung gemeinsam mit Pfarrer Axel Mette vorbereitet hatte, gelang es, diesen unbekannten Westen in Streiflichtern lebendig werden zu lassen. Ob es ein historischer Abriss und die Gegenwart der Stadtteilentwicklung war oder die soziale Situation heute: Eine große Rolle spielte der Hauptbahnhof. Durch die Gleise war der Bezirk lange Jahre »draußen vor der Stadt«, durch die Bahngalerie erhielt er eine neue Anbindung. Das gewachsene Selbstbewusstsein der Bewohner des »sozialen Brennpunkts« Akazienweg, die für den Ruf ihrer Siedlung gekämpft haben, wurde spürbar. Ein mitreisender ehemaliger Polizeibeamter, der die täglichen Einsätze früherer Jahre dort vor Augen hatte, freute sich über die Veränderungen.
Mitten im Stadtteil plötzlich Ausweiskontrolle und Zutritt nur nach Überprüfung der Anmeldeliste. Ein Besuch im Raumfahrtkontrollzentrum ESOC ist mit Hürden verbunden. Aber die Besucher kommen fasziniert zurück von der Besichtigungstour, die sie auf die Schnelle in den Weltraum »entführt« hat. Beim nächsten Stopp erfahren sie en passant, dass die Verwaltung des Waldfriedhofs nebenan mit seinen bis zu 14 000 Bäumen – so genau weiß das keiner – dem Trend zur Friedwald-Bestattung entgegenkommen will.
Für eine letzte Station heißt es dann nicht nur »Aussteigen«, sondern auch gleich »Schuhe aus«. Denn es geht in den Gebetsraum der Männer in der Emir-Sultan-Moschee, wo die Gastgeber stolz den in zehn Jahren in Eigenfinanzierung und -leistung fast fertig gestellten Bau präsentieren.
»Uns liegt auch weiterhin an der guten Nachbarschaft zur Paul-Gerhardt-Gemeinde«, betont Ismail Kahraman, der für seinen Kulturverein und die Moscheegemeinde seit Jahren den christlich-islamischen Dialog in Darmstadt mit gestaltet. Eine Erinnerung taucht auf: Da hatte die kleine »Kolonistengemeinde« eine Sternstunde, als vor ein paar Jahren aufgebrachte Bürger den Bau einer zweiten Moschee als Bedrohung für den Stadtteil empfanden.
Gemeinsam mit dem Beauftragten für Ökumene und interreligiöse Gespräche gelang es dem Pfarrer, Raum für Dialog, Information und Versachlichung der Diskussion zu schaffen. Für Axel Mette ein Zeichen dafür, wie die »Kirche im Dorf« geachtet und akzeptiert ist.